Verwicklungsroman

Ilse und Fritz von Ilse und Fritz

„Wie habt ihr euch kennen gelernt?“ – diese Frage wird nicht selten Paaren gestellt und „Was machtest du, bevor wir uns gekannt haben?“ – diese Frage stellen sich Paare oft selbst. Diesen Fragen des Kennenlernprozesses geht der gemeinsame Verwicklungsroman von Ilse Kilic und Fritz Widhalm nach, der seit 1999 in der edition ch biennal erscheint. Ilse Kilic und Fritz Widhalm betrachten sich im Spiegel der Erinnerung, und als Spiegelbilder blicken ihnen die Alter-Egos Jana Brenessel und I.G.Naz entgegen, die als Figuren im Verwicklungsroman die Biografien von Ilse Kilic und Fritz Widhalm festhalten und umgekehrt, wodurch eine gemeinsame Autobiografie entsteht. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Zeit der 70er- und frühen 80er-Jahre – die Zeit, in der sie sich noch nicht kannten, ihre Bekanntenkreise sich aber langsam zu überschneiden begannen und sie sich begegneten, immer öfter begegneten und schließlich zum Paar wurden, aber auch die Zeit wichtiger künstlerischer Entdeckungsreisen von Dada bis Punk sowie den daraus resultierenden Erkenntnis- und Entscheidungsprozessen, die dann zur Gründung des „Fröhlichen Wohnzimmers“ führten. Auch den Kontexten wird große Beachtung geschenkt: So werden nicht nur die Tätigkeiten, der Alltag und das Umfeld des „Fröhlichen Wohnzimmers“, also Personen und Orte aus der jeweiligen Gegenwart eines Bandes des Verwicklungsromans beschrieben, sondern auch Ausflüge in die Kindheit und Jugend unternommen, so weit die Erinnerungen reichen. Dadurch gerät der Verwicklungsroman auch zu einer Dokumentation alternativkultureller Zeit- und Alltagsgeschichte ersten Ranges. Wie auf einem Möbiusband ziehen auf der vermeintlich einen Seite Ilse und Fritz und auf der vermeintlich anderen die metonymischen Figuren Jana und Naz los und hinterlassen dabei dichte Textspuren, geschöpft aus zwei erfahrungs- und kenntnisreichen Allround-KünstlerInnenleben. Und aus Sicht der Leserin, des Lesers ist es völlig unerheblich, mit welchem Band, ja an welcher Stelle des Verwicklungsromans mit der Lektüre begonnen wird: Wie sich die Wege halt so kreuzen. Wie es halt beim Kennenlernen so ist.

Günter Vallaster, 22.11.11

Der Verwicklungsroman als Möbiusband, Arrangement und Foto: Günter Vallaster

Arrangement und Foto: Günter Vallaster

Mit dem folgenden Artikel von Judith Gröller, ein Auszug aus ihrer derzeit entstehenden Dissertation, für dessen Wiedergabemöglichkeit an dieser Stelle gedankt sei, wird dieses „hyperbiografische Projekt“ (Kurt Neumann) speziell unter dem Gender-Aspekt betrachtet:

Zwischen „Erinnerung und Erfindung“ [1] – die gemeinsame Autobiografie der Wohnzimmers

von Judith Gröller

In den derzeit vorliegenden siebenbändigen Verwicklungsromanen [2] schreiben Ilse Kilic und Fritz Widhalm ihre gemeinsame Autobiografie. […] wir [schreiben] unser Leben und das Leben des anderen, vor und zurück, auf und ab…überall hin eben. Ich erinnere mich an die Erinnerungen von Ilse, zumindest an diesen Teil ihrer Erinnerungen […]. [3] Es geht darum, dass das alles Tun und Schreiben in den Verwicklungsromanen Platz findet, so Fritz Widhalm weiter. Also die Tendenz ist, dass der Körper Sprache wird. Wenn zwei Personen zusammen ihre Biografie schreiben, dann fungiert immer eine als Kontrollgruppe. Ilse Kilic: „So gesehen wird ein Stück Erfindung, ein Stück Mystifizierung der eigenen Biografie sichtbar: der andere ist – um im Jargon des Experiments zu bleiben – gewissermaßen Kontrollgruppe.“ [4] Für Ilse Kilic bedeutet der Verwicklungsroman auch die Grenzen einer Person zu thematisieren. „während jana sich erinnert, kommt ihr die groteske idee, sich und den naz in einer person zu vereinigen.“ [5] Es geht hier also auch um Auflösungstendenzen. Beide schreiben unter Pseudonymen Kilic wird zur Jana, Widhalm zu Naz. Auch Fritz Widhalm sagt im Interview, dass er meistens keine [Identität] hat. [6] So wie es keine abgrenzbaren Identitäten mehr gibt, gibt es auch keine Kontinuitäten in einer Lebensgeschichte: „janas geschichte scheint nicht kontinuierlich von kleinjana zu großjana zu verlaufen, es gibt bock- und rösselsprünge, umwege und wegabschneider […]. [7] Die Verwicklungsromane sind immer ein Spiel mit Identitäten, es wird unterschieden zwischen jana, naz und textjana und textnaz. Teilweise kommt es auch zu Verwechslungen. [8] Kilic und Widhalm kritisieren das Modell der Zweigeschlechtlichkeit, indem sie etwa ein „autonomes schreibwesen“ entwickeln, das sie janaz genannt haben. Dies entspricht auch den Ansätzen der plural-queeren Entwürfe, die Geschlecht als eine sich verändernde und veränderbare Variable denken. Das bedeutet, dass Menschen sich selbst definieren können, so wenn und wann sie das wollen. Ähnlich angelegt im janaz-Konzept von Kilic und Widhalm.

[1] Schriftliches Interview beantwortet von Ilse Kilic, 16. November 2010

[2] In der vorliegenden Arbeit werden ausschließlich die ersten beiden Bände, „Dieses Ufer ist rascher als ein Fluss!“ und „Neue Nachrichten vom gemeinsamen Herd“ des Verwicklungsromans untersucht, da sonst der Rahmen der Arbeit gesprengt würde.

[3] Schriftliches Interview beantwortet von Fritz Widhalm, 18. November 2010

[4] Interview mit Kilic. S. 22.

[5] Ilse Kilic und Fritz Widhalm: Dieses Ufer ist rascher als ein Fluss. Des Verwicklungsromans erster Teil. Wien: Edition ch. 1999. S. 43. Ilse Kilic und Fritz Widhalm verwenden in ihren Texten ausschließlich die Kleinschreibung, daher wird hier auch so danach zitiert.

[6] Interview mit Widhalm. S. 30.

[7] Vgl. Kilic und Widhalm: Neue Nachrichten. S. 23.

[8] Vgl. ebd. S. 26.

Rezensionen des Verwicklungsromans:

Werner Schandor über “Dieses Ufer ist rascher als ein Fluss! Des Verwicklungsromans erster Teil” im Online-Buchmagazin des Literaturhauses Wien, 15.2.00

Stefan Schmitzer über “Neue Nachrichten vom gemeinsamen Herd. Des Verwicklungsromans zweiter Teil” in schreibkraft, ausgabe 07/2002

Petra Ganglbauer über “2003 – Odyssee im Alltag. Des Verwicklungsromans dritter Teil” und “Alles, was lange währt, ist leise. Des Verwicklungsromans siebenter Teil” im Gangway Literary Magazine, 12.9.03 und 1.7.11

Marietta Böning über “Zwischen Zwang und Zwischenfall. Des Verwicklungsromans vierter Teil” auf carpe librum, 2005

Wolfgang Müller über “Zwischen Zwang und Zwischenfall. Des Verwicklungsromans vierter Teil” in der taz, 3.12.05

Sabine Dengscherz über “Wie wir wurden, was wir sind. Des Verwicklungsromans fünfter Teil” im Online-Buchmagazin des Literaturhauses Wien, 21.5.07

Helmuth Schönauer über “Zeilen entlang der Zeit. Des Verwicklungsromans sechster Teil” auf “Lesen in Tirol”, 3.7.09

Helmuth Schönauer über “Alles, was lange währt, ist leise. Des Verwicklungsromans siebenter Teil” auf “Lesen in Tirol”, 6.4.11

Eva Riebler über “Alles, was lange währt, ist leise. Des Verwicklungsromans siebenter Teil” in etcetera 44, Juni 2011

Sammelrezension zu den ersten drei Bänden von Johanna Lier in der WoZ, 9.12.04:
“Für romantische Weihnachten zu zweit. Wobei man sich gegenseitig mit Vorlesen beschenken darf. Die Wiener AutorInnen Ilse Kilic und Fritz Widhalm verfassten gemeinsam in drei Bänden die Biografie von Jana und Naz. Wobei es oft nicht klar ist, wer was geschrieben hat oder wer nun gerade wer gewesen sein wollte. Es ist die Geschichte einer unverbrüchlichen Symbiose wie auch zweier Liebender und Leidender, die dennoch – geradezu heldenhaft – sie selbst bleiben. Erotische Bücher mit Fotos und Comics, zeit-geistreich und selbst-ironisch, sprach-spielerisch über Liebe und Arbeit in der post-revolutionären Zeit.”

Günter Vallaster über den “Ergänzungsband” “Reise in 80 Tagen durch das Wohnzimmer” (Das fröhliche Wohnzimmer-Edition 2004) im Online-Buchmagazin des Literaturhauses Wien, 8.3.05


Lesung Ilse und Klic und Fritz Widhalm im LQ - Alte Schmiede, Wien am 16.11.11. Foto: Helmut Schill

Ilse Kilic und Fritz Widhalm lesen aus dem Verwicklungsroman bei der Veranstaltung “Ein Buch über viel ist leise – Solosymbosien in Text, Bild, Ton aus Wohnzimmer und Glücksschweinmuseum” am 16.11.2011 im Literarischen Quartier – Alte Schmiede, Wien. Foto: Helmut Schill

Einleitung zu “Ein Buch über viel ist leise – Solosymbosien in Text, Bild, Ton aus Wohnzimmer und Glücksschweinmuseum” am 16.11.2011 im Literarischen Quartier – Alte Schmiede, Wien

von Günter Vallaster

(…) Wir betreten eine hochsymbiotische Welt, die Welt des “Fröhlichen Wohnzimmers”, in der seit nunmehr 25 Jahren alle künstlerischen Ausdrucksformen ihren Platz finden und durch Ilse Kilic und Fritz Widhalm in Ausübung und Interaktion treten. Ein wichtiger Teil ist dabei auch die Musik: “Das fröhliche Wohnzimmer” war ursprünglich ein Musiklabel und eine Zeitlang gab es auch die Band “Das fröhliche Wohnzimmer” mit Ilse Kilic, Fritz Widhalm, Stefan Krist und Susa Binder und es gibt zahlreiche weitere musikalische Projekte bis heute und als musikalische Inspirationenen möchte ich exemplarisch für Fritz Widhalm Marc Bolan und für Ilse Kilic Kevin Coyne nennen. Das eingangs gehörte Stück ist “Dark Dance Hall” von Kevin Coyne in einer Coverversion von Ilse Kilic und Fritz Widhalm, von der 2008 erschienenen CD “Tribute to Kevin Coyne”, auf der 5 Titel von ihm ausgelotet und interpretiert werden.

Ilse Kilic & Fritz Widhalm, Tribute to Cevin Coyne (2008)

“Working, talking to myself / Oh there’s nobody else”, so beginnt dieses Lied. Und dieser von Coyne eindringlich beschriebenen “Dark Dance Hall” wird ein bunter wohnzimmeristischer Kosmos entgegengesetzt, nach dem Motto: “There is somebody else!” – auch beim Schreiben, womit ich schon bei einem ganz zentralen, ja dem zentralen Tätigkeitsbereich von Ilse Kilic und Fritz Widhalm bin: der Literatur:  “Der Schriftsteller ist beim Schreiben nicht allein” – dieser von Raymond Queneau formulierte Gedanke spielt auch eine tragende Rolle in vielen Werken der beiden, in denen dieser Umstand ins Bewusstsein gerückt, reflektiert und auf vielfältige Weise ästhetisch verarbeitet wird, gipfelnd im tatsächlichen gemeinsamen Schreiben, das im Verwicklungsroman so eindrucksvoll vorgeführt wird. Auch in den heute präsentierten Büchern kann dieser Aspekt sehr gut nachvollzogen werden: In “Buch über Viel” von Ilse Kilic finden sich zahlreiche Verweise, Zitate und dokumentarische Momentaufnahmen, ebenso in Fritz Widhalms “Ein Buch”. Und im vorliegenden siebenten Band des Verwicklungsromans mit dem Titel “Alles, was lange währt, ist leise”, ist die Einbindung in soziale, künstlerische und zeitliche Kontexte ohnedies ein leitmotivischer bunter Faden, dessen Verwicklungen und Ent-Wicklungen sich lustvoll durch alle Bände des Verwicklungsprojekts ziehen. Bevor wir aber noch genauer zu den Büchern des heutigen Abends kommen, möchte ich noch kurz – unter der Zwischenüberschrift “Ilse und Fritz in Readymades” – auf die weiteren Tätigkeits- und Wirkungsbereiche der beiden hinweisen, indem ich auch Anschauungsobjekte mitgebracht habe. Das wäre zunächst einmal der bildnerische Bereich, der seit 5 Jahren auch in der Wohnzimmergalerie mit Glücksschweinmuseum in der Florianigasse 54 im 8. Wiener Gemeindebezirk nicht nur betrachtet und bestaunt, sondern nach dem Prinzip “pay as you wish” erworben werden kann. Ich habe dieses Bild mit dem Titel “On the Road Again” von Ilse Kilic aus dem Jahr 2008 erworben:

"on the road again" von ilse kilic, 2008

Dann habe ich noch dieses Bild von Fritz Widhalm, das auch zeigt, dass die beiden sich immer wieder auch selbst thematisieren und porträtieren, sich gleichsam wie Readymades in die Arbeiten integrieren, also das Auto-Biographische auch in den bildnerischen Arbeiten sehr oft zum Ausdruck kommt (s. Bild am Beginn dieser Seite).

In vielen Bildern ist auch Text enthalten, womit sich eine Tür zur Visuellen Poesie und zum Comic öffnet, auch durch sehr viele Arbeiten ausgewiesene Tätigkeitsbereiche, ich zeige hier als Beispiele für Visuelle Poesie eine ganz frühe Publikation von Fritz Widhalm aus der edition ch: “Das kleinere Übel”, eine von Christine Huber herausgegebene Publikation “in der Schachtel” aus dem Jahr 1990, inzwischen schwerst vergriffen und von Ilse Kilic den Band “Kuckuck! Kuckuck! 50 Bild-Texte von Ach bis Zurück” aus dem Jahr 2008, erschienen ebenfalls in der inzwischen von mir herausgegebenen edition ch, in dem Bilder und Texte aus älteren Schul- und Liederbüchern collagiert und dadurch, ich zitiere Ilse Kilic, “Brav-sein-Wollen” und “Braves-Kind-sein-Wollen” “quergelesen und quermontiert” werden.

Fritz Widhal,. Das kleinere Übel (esition ch, 1990) und Ilse Kilic, Kuckuck! Kuckuck! 50 Bild-Texte von Ach bis Zurück (edition ch, 2008)

Comics gibt es auch in reichlicher Anzahl, wie zum Beispiel “glückomania – ein traum in 164 bildern”, ein gemeinsam verfasstes und gezeichnetes Comic, auch schwer vergriffen, aus dem Jahr 2002.

Ilse Kilic & Fritz Widhalm, glückomania - ein traum in 164 bildern (edition ch 2002)

Reichhaltig ist auch das Filmschaffen von Ilse Kilic und Fritz Widhalm, mit vielen Animationsfilmen, Kurzfilmen und Videos. Dazu möchte ich gleich auf die WohnzimmerFilmRevue verweisen, die auf OKTO.TV regelmäßig im Programm ist. Und es gibt die Edition “Das fröhliche Wohnzimmer”, die auch dem Queneau´schen Zitat “der Schriftsteller ist beim Schreiben nicht allein” stark und insofern Rechnung trägt, als es Ilse Kilic und Fritz Widhalm immer auch ein großes Anliegen ist, anderen Autorinnen und Autoren mit wagenden, experimentellen, sprachmaterialbezogenen, unkonventionellen, marktinkompatiblen Texten eine Plattform und Publikationsmöglichkeit zu bieten, was gar nicht hoch genug geschätzt werden kann. Auch eine intensive Veranstaltungstätigkeit bis zum heutigen Tag, zu der schon zahlreiche Autorinnen und Autoren eingeladen wurden, legt davon Zeugnis ab. Sowie auch die Wohnzimmerzeitschrift, eine inzwischen 42 Ausgaben starke abweichende Konstante in der Literaturzeitschriftenlandschaft. Zu nennen ist auch noch die Edition Fußnoten zur Weltgeschichte, das ist ein Kleinverlag, den der Kleinverlag “Das fröhliche Wohnzimmer” betreibt.

Das fröhliche Wohnzimmer, ein autopoietisches System vor dem Hintergrund rauer literarischer Produktionsbedingungen. Ein lebendiges Literatop in der steinigen Sprachwüste. Ein “Work-in-progress”, wie mir Fritz Widhalm einmal gesagt hat. Und ich zitiere Ilse und Fritz weiter: “wohnzimmerismus beinhaltet alle bemühungen, so etwas wie privates glück auch unter den bedingungen des spätkapitalismus als politische größe zu gewinnen und zu verstehen.”

Als Readymades zur editionärischen Tätigkeit habe ich hier die erste Publikation, die Anthologie “Buch” aus dem Jahr 1989 und eine der jüngsten Publikationen, “Glück und Schwein” aus dem Jahr 2011, in der neben Abbildungen von ausgewählten Schweine-Exponaten aus dem Glücksschweinmuseum Lyrik und Prosa zum Thema Glück und/oder Schwein von einer Reihe von Autorinnen und Autoren versammelt sind.

Cover der Anthologien "Buch" (1989) und "Glück und Schwein" (2011) aus der Edition "Das fröhliche Wohnzimmer"

Damit zu den Buchtiteln des heutigen Abends, “Buch über Viel” und “Ein Buch”, sowie “Alles, was lange währt, ist leise”, die jeweils auch von kurzen Filmen begleitet sind. Die Einzeltitel von Ilse Kilic und Fritz Widhalm, die Soloalben sozusagen, sind zu einem Großteil in anderen Verlagen erschienen: Um die Werke von Ilse Kilic hat sich vor allem der Ritter-Verlag verdient gemacht: “Buch über Viel” ist der siebte Ritter-Titel von Ilse Kilic und  ein “Buch über Viel” ist nicht wenig. Um es kurz im Vergleich und Kontext mit den beiden vorangegangenen Ritter-Titeln zu verorten: Während der 2006 erschienene Band “Vom Umgang mit den Personen” das Wesen der Haupt- und Nebenperson untersucht, verlagern sich die thematischen Schwerpunkte im 2008 erschienenen Buch “Das Wort als schöne Kunst betrachtet” mehr auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für das Schreiben, die literarische Schreibbiografie und das SchriftstellerInsein, sowie die Handlung, den Plot. Im “Buch über Viel” geht es schließlich um das Ich an sich und wie es sich über das Umfeld konstituiert. “Ich wäre nicht ich ohne mein Herz”, heißt es auf Seite 22, und weiter: “Ich wäre nicht ich ohne meine große Zehe. ich wäre nicht ich ohne meine Liebe. Meine Liebe heißt Fritz. Ich wäre nicht ich ohne Werner Herbst, der mein erstes Buch verlegt hat. Ich wäre nicht ich ohne Patti Smith. Ich wäre nicht ich ohne das Geschäft mit saurem Rollmops aus der Vergangenheit der Josefstädterstraße”. Zitat Ende. Und so ein Ich ist ja kein homogener Monolith, es setzt sich aus vielen Puzzleteilen kaleidoskopartig zusammen. Demgemäß ist das “Buch über Viel” auch keine lineare Text- und Satzabfolge, sondern eine polynome, patchworkartige Anordnung unterschiedlichster Textsorten: Mal Tagebucheintrag, mal Aphorismus, mal Gedicht, mal Prosa, mal essayistische Reflexion von Begriffen wie Angst und Naturgesetz, alles in glossarartigem, sich wechselseitig kommentierendem Zusammenwirken, wozu auch viele Zeichnungen und eine eingewobene Comicstrecke gehören. Sogar eine schrittweise Transformation eines Gedichtes in Zahlen bis zum binären ASCII-Code, Ada Lovelace, der Mathematikerin und ersten Programmiererin gewidmet, findet sich darin.

Das Ich als Cluster, das Ich als Begriffswolke, das Ich als Wanderung durch den Blätterwald.

Vom “Buch über Viel” zu “Ein Buch” von Fritz Widhalm. Auch das Buch “Ein Buch” ist ein Buch über viel. Im Titel kurz und allgemein gehalten, weist es einige Titelzusätze auf: With a little help from my friends beim Autorennamen Fritz Widhalm, der schöne fritz und a private part bei der Verlagsangabe “Das fröhliche Wohnzimmer”. 26 Kapitel umfasst “Ein Buch”, und alle sind so unterschiedlich wie die Buchstaben des Alphabets. Ich habe das Buch “Ein Buch” vor ein paar Wochen kurz besprochen und habe mir gedacht, dass die Besprechung auch sehr gut das Buch “Ein Buch” vorstellen könnte:

Fritz Widhalm, “Ein Buch” – Rezension von Günter Vallaster im Online-Buchmagazin des Literaturhauses Wien, 12.10.11

Damit übergebe ich an Fritz Widhalm und eine Buch´, nein, “Ein Buch” plus Film.

(Fritz Widhalm liest aus “Ein Buch”, Ilse Kilic aus “Buch über Viel”, dazu werden die Kurzfilme “Gegenseitige Hilfe” von Fritz Widhalm und “Kugeldie & Kugeldei” von Ilse Kilic gezeigt)

Verwicklungsroman:

Wir kommen zur höchsten physischen Erhebung der hier auf dem Tisch ausgebreiteten Wohnzimmerlandschaft, dem hier aufgestapelten, inzwischen schon sieben Bände umfassenden Verwicklungsroman und die schönen Buchtitel könnten auch schon zusammenhängend wie ein Gedicht gelesen werden: Dieses Ufer ist rascher als ein Fluss! / Neue Nachrichten vom gemeinsamen Herd / 2003 – Odyssee im Alltag / Zwischen Zwang und Zwischenfall / Wie wir sind, was wir wurden / Zeilen entlang der Zeit / Alles, was lange währt, ist leise

Seit 1999 erscheint in der edition ch biennal dieser gemeinsame Verwicklungsroman von Ilse Kilic und Fritz Widhalm, in dem die Figuren Jana Brenessel und I.G.Naz die Biografien der beiden AutorInnen festhalten und umgekehrt. Oder anders gesagt: Ilse Kilic und Fritz Widhalm setzen sich als Figuren Jana Brenessel und I.G.Naz, um ein Erzählen-von-Sich zu ermöglichen. Oder beleuchten doch auch die Figuren die AutorInnen? Jedenfalls handelt es sich bei diesem “hyperbiografischen Projekt”, wie es Kurt Neumann nennt, nicht nur um ein wertvolles Stück alternativkultureller Zeitgeschichte oder auch Geschichtsschreibung von unten, von den Rändern und vom Alltag her, sondern auch um ein einmaliges Beispiel für das gemeinsame Schreiben einer Autobiographie. Ein, ja das Hauptthema, das sich durch alle Bände zieht und sie auch begründet, ist der Kennenlernprozess von Ilse und Fritz in den 1970er- und 80er-Jahren, genauer gesagt, was die beiden machten, als sie sich noch nicht kannten und wie sich langsam ihre Bekanntenkreise zu überschneiden begannen und sie sich zuerst kennen und dann lieben lernten. Dieser Prozess wird vom Sehepunkt des späteren und heutigen Paares aus unter die Lupe genommen, gleichsam in Zeitlupe aufgefächert, sodass auch die Zeit, in der sich die beiden noch nicht kannten, ex post als Paar verlebt wird. Wobei auch der Begriff “Paar” einer eingehenden Reflexion unterzogen wird. Ich zitiere die Literaturwissenschafterin Judith Gröller, die einige Kapitel ihrer Dissertation dem Verwicklungsroman widmet:

Zitat: “Die Verwicklungsromane sind immer ein Spiel mit Identitäten, es wird unterschieden zwischen jana, naz und textjana und textnaz. Teilweise kommt es auch zu Verwechslungen. Kilic und Widhalm kritisieren das Modell der Zweigeschlechtlichkeit, indem sie etwa ein „autonomes schreibwesen“ entwickeln, das sie janaz genannt haben. Dies entspricht auch den Ansätzen der plural-queeren Entwürfe, die Geschlecht als eine sich verändernde und veränderbare Variable denken. Das bedeutet, dass Menschen sich selbst definieren können, so wenn und wann sie das wollen. Ähnlich angelegt im janaz-Konzept von Kilic und Widhalm.” Zitat Ende. Und in einem Interview, das ich mit Ilse Kilic und Fritz Widhalm einmal führte, stellte Ilse Kilic fest, dass der Verwicklungsroman, Zitat “auch vermitteln will, dass das Streben nach individuellem Glück ein Teil des politischen Selbstverständnisses und des Infragestellens der gesellschaftlichen Gegebenheiten ist”. Fritz Widhalm ergänzte: “Ja. Unser Verwicklungsroman will die Literatur und die Welt ein bisschen besser machen.” (Vollständiges Interview im Online-Buchmagazin des Literaturhauses Wien vom Jänner 2009)

Um in den Verwicklungsroman, aus dessen aktuellem siebten Band “Alles, was lange währt, ist leise” nun die Lesung folgt, einzutauchen, möchte ich Ilse und Fritz noch zu einem kurzen Wordrap bitten. Dazu habe ich mir aus jedem der sieben Bände ein Wort oder einen Begriff herausgesucht:

Wordrap

verwicklung 1: kleine rote ente
verwicklung 2: einsambucht
verwicklung 3: velvet goldmine
verwicklung 4: haben und gehabt haben
verwicklung 5: biosupperl
verwicklung 6: den see schwimmend
verwicklung 7: millionaires and teddy bears

(Ilse Kilic und Fritz Widhalm lesen aus “Alles, was lange währt, ist leise. Des Verwicklungsromans siebenter Teil”. Begleitend werden die Cover aller sieben bisherigen Verwicklungsbände beamerprojiziert)


Cover der ersten 6 Bände des Verwicklungsromans von Ilse Kilic und Fritz Widhalm