Neuerscheinung | jopa jotakin: für die fisch. mit bildern von andrea knabl und kala haisee

cover jopa jotakin

80 S., ISBN 978-3-901015-63-2, € 12,-

frische fischlyrik ohne hand und fuß, aber mit schuppen und flossen.
eine kiemästhetische schwärmerei für große und kleine fische mit mal mehr und mal
weniger worten, mit bildern und fotos.

Helmuth Schönauer auf biblio.at:

„Das größte Kompliment, das man in Österreich über ein Programm oder gar den Lebensinhalt zum Ausdruck bringen kann, ist die lapidare Bemerkung, dass es “für die Fisch” ist.

Jopa Jotakin setzt nun “für die fisch” den hehren Zielen der Literatur ein edles Poesie-Denkmal, bestens unterstützt von Fischcollagen von Andrea Knabl und Kala Haisee. In den Bildern würgt schon einmal eine Heldin einen Grass-fetten Aal als Ganzes hinunter, ein Fischkopf schnappt nach Luft, während er durch ein erotisches Stillleben dümpelt, eine seltene Gattung liegt vor einem Tierlexikon und liest nach, wer sie eigentlich ist.

Schon in den Kapitelüberschriften gibt es semantische Fischüberhöhungen, welche die üblichen Vorstellungen schlagartig erweitern oder gar in ein völlig anderes Gebiet lenken. Die “grätchenfrage” (34) stellt die Glaubwürdigkeit von Thesen in Frage, im “fischgewitter” (45) lösen sich alle Substanzen auf, die nicht mit Schwarm-Intelligenz umgehen können, “feuchte träume” (64) zeigen alles Wasser-Getier in einem neuen aufreizenden Licht und “kiemono” (73) erweist sich als Dress-Code, der weit über die Saison hinausragt.

In konzentrierten Engführungen stoßen manchmal völlig unterschiedliche Wahrnehmungsgebilde zusammen, aus der sprichwörtlichen Sardinenbüchse wird eine überfüllte Party. “sardinenparty // die gäste / dicht gedrängt / es stinkt / und alle / voll im öl” (16)

Im Gedicht “mal mehr, mal weniger” (21) sind es zwei lyrische Verfahrensweisen, die sich überlagern, in einen Text voller Strömung sind sperrige Begriffe eingeklemmt, die das “gegen den strom schwimmen” zuerst als Wortkomposition und dann als konkrete Lyrik im Bild ausdrücken.

Das lyrische Ich versenkt sich beim Meditieren in das eigene Aquarium und mutiert zu einem Bauchwesen, das vielleicht sogar die eigene Sterblichkeit abzulegen vermag. “denkfische // die denkfische / im kopfaquarium / blubbern / denkblasen // glubschen mir / zu den ohren hinaus / und plustern ihre kiemen auf // die denkfische / im kopfaquarium / schwimmen manchmal / mit dem bauch nach oben / aber das macht nichts / bäuche sind ja was schönes” (46)

In den “fischphobien” (59) gibt es aalglatte Paranoia und dann muss das Buch gedreht werden wie ein Tablett, weil der Text nur mehr in die Breite geht.

Jopa Jotakins Programm ist natürlich nicht für die Fisch, es schneidet heimlich die Büchse der Pandora auf wie eine Fischkonserve und lässt daraus einen neuen Sinn strömen, der nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.“

Sophie Reyer auf literaturhaus.at:

Dass Fische so stumm nicht sind wissen wir bereits seit Gertrude Maria Grosseggers Roman „So stumm sind die Fische nicht“ (Leykam 2006). Und tatsächlich: Auch Jopa Jotakins Meeresbewohner weisen eine große Affinität zur Sprache auf. Das mit Bildern von Andrea Knabl und Kala Haisee „gewürzte“ Buch ist in unprätentiös schlauem Sprachfluss gestaltet Und der Fluss ist auch ein wichtiges Strukturelement, das die Form des ganzen Bandes bestimmt.
Der 1986 „herbstgeborene“- wie er selbst in seiner Biographie im Anhang schreibt- Autor Jopa Jotakin nimmt sich in seinem Erstling „für die fisch“ des besonderen Tieres „Fisch“ an, dreht, wendet den Begriff sprachlich und inhaltlich, als Wort, als Metapher, interessiert sich aber auch für den Fisch als optischen Gegenstand und betrachtet ihn auf die unterschiedlichsten nur erdenklichen Arten. Das Einbeziehen der visuellen Ebene ist dabei nur ein Element, wenn auch ein Wesentliches: Sowohl Fotografien von Fischleichen und goldenen, kitschigen Fischtrophäen als auch grafische Arbeiten, die mit dem alten Emblem des Christentums spielen – da verschluckt eine Frau einen Fischschwanz, da wird einem Fisch die Haut abgezogen – bestimmen die Form des Buches. Aber auch die Lyrik des Autors ist zum Teil optisch gestaltet. So schwillt das O des Fisches zu einem riesigen Mund an, der das K, das P und das F des Wortes „kopf“ verschluckt, so wird der Abriss einer Fischform in einem Räucherlachs-Empfehlungsgedicht nachgeahmt. Auf einmal verwandeln sich auch die „>“- Zeichen in den Texten in eigenständige Lebewesen, lösen sich aus der Poesie heraus und flattern als Fischschwänze umher, die der Seitenzahl am unteren Ende der Seite angefügt werden, sodass die Zahl selbst aussieht wie ein umher schwimmendes Amphib. Grafisch spielt der Autor auch mit dem Format der Buchseite: demnach verlaufen manche Gedichte auf herkömmliche Art und Weise horizontal, andere vertikal, und wieder andere verstreuen sich wie unterschiedlich große Pünktchen auf die Seite, sodass die Buchform an sich hinterfragt und aufgebrochen wird.

Doch die visuelle Poesie ist nur eine Herangehensweise, mit der Jopa Jotakin in seinem Band spielt. Dass der junge Dichter die Techniken der Wiener Gruppe analysiert und verstanden hat, beweisen Gedichte wie „fischgeflyster, eukaryotisch“, die das Wort „goldfischgold“ nach seinen Materialitäten abklopfen und mit den Graphemen auf serielle Weise spielen. Die poetische Miniatur „forellenquintett“ nimmt sich hingegen der Form der Liste an: „meer/ bach/ see/ anatolisch/ regenbogen“ lesen wir hier und müssen vielleicht schmunzeln. Dieser Text ist aber nicht der einzige, der mit Anspielungen auf die Musikgeschichte „gezuckert“ ist: So nennt sich ein weiteres Gedicht koketter Weise „Fisch- Dur“.
Das formale Spektrum der in „für die fisch“ aufzufindenden Texte reicht von Lautgedichten, die einzelne Elemente wie „pf“ oder „o“ aneinander stöpseln, über serielle Gebilde bis hin zu einem Mundartgedicht, das den danebenstehenden hochsprachlichen Text spiegelt.

Inhaltlich weisen die Arbeiten ebenfalls eine Vielfalt an Varianten auf: da wird auf den Fisch als Identifikationssymbol des Christentums angespielt, indem das Gaubensbekenntnis remixt wird, da kommt es zu musikgeschichtlichen Hinweisen und kulinarischen Einsprengseln.
Die Arbeiten sind außerdem nicht nur implizit politisch: Im zweiten Gedicht bereits spricht sich Jopa Jotakin gegen die Farbe blau aus, indem er auch gleich die Poesie an sich hinterfragt: „gibt es unpolitische gedichte?“ heißt es da, und die Forelle antwortet frisch, frech und keck: „mir egal, hauptsache nicht blau.“

Bis hin zum Verlagsnamen, der “edition ch”, die Jopa Jotakin kurzfristig in „edition fisch“ umbenennt, ist dieses Buch fast zwangsneurotisch in Richtung „Fisch“ hingebogen oder vielleicht auch eher -geflossen? Es bleibt dem jungen Autor zu wünschen, dass auch die nächsten Buchprojekte sich ähnlich stimmig und erfrischend – nicht nur erFISCHEND – lesen mögen! Ein Buch für die Verspielten, dass sich – um bei der Wassermetapher zu bleiben – „gewaschen“ hat.

One Response to Neuerscheinung | jopa jotakin: für die fisch. mit bildern von andrea knabl und kala haisee
  1. [...] – die glückskatze erin hunter – warrior cats band 2  – feuer und eis jopa jotakin – für die fisch ilse kilic, fritz widhalm – catcomic doris lessing – meine katzen christiane lind – endlich [...]

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